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Wie wird der Zugversuch angewendet?

Wurzelschäden an alten Eichen nach Tiefbauarbeiten

Nach Leitungsarbeiten im Wurzelbereich von drei alten Eichen war zu klären, ob die Standsicherheit der Bäume beeinträchtigt wurde. Zugversuche ermöglichten eine differenzierte Bewertung der Wurzelschäden, der erforderlichen Maßnahmen und des entstandenen wirtschaftlichen Schadens.

Von Alexander Kraus Veröffentlicht: 25. September 2026 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 12. Oktober 2026

Fallbeispiel Wurzelschäden

Tiefbauarbeiten im Umfeld von Bäumen können erhebliche Schäden an Wurzeln und Wurzelanläufen verursachen. Besonders schwierig wird die spätere Beurteilung, wenn ein Leitungsgraben nach Abschluss der Arbeiten bereits wieder verfüllt ist. Dann sind mögliche Wurzelverletzungen häufig nicht mehr unmittelbar sichtbar.

In diesem Fall standen drei ältere Stieleichen am Rand eines Waldweges. Im Zuge des Einbaus einer technischen Leitung war in unmittelbarer Nähe der Bäume ein Graben hergestellt worden. Die Abstände zwischen den Stämmen und dem Leitungsgraben unterschieden sich deutlich. Während bei einem Baum ein vergleichsweise großer Abstand vorhanden war, verlief die Baumaßnahme bei den beiden anderen Eichen erheblich näher am Stamm.

Untersuchte Stieleiche bei der Aufnahme der Baumdimensionen nach Leitungsarbeiten im Wurzelbereich als Fallbeispiel Wurzelschäden.

Der Auftrag bestand darin, ergebnisoffen zu prüfen, ob der Leitungsbau die Stand- und Bruchsicherheit der drei Eichen beeinflusst hatte und ob daraus ein bezifferbarer Schaden für den Baumeigentümer entstanden war.

Fachliche Fragestellung

Bei einem solchen Baumgutachten reicht es nicht aus, allein den Abstand zwischen Leitungsgraben und Baumstamm zu betrachten. Entscheidend ist, welche Wurzeln tatsächlich betroffen sein können und welche Bedeutung diese Wurzeln für die Verankerung des Baumes besitzen.

Wurzelsysteme entwickeln sich abhängig von Baumart, Boden, Gelände, Wasserangebot und Konkurrenz. Auch bei derselben Baumart können deshalb sehr unterschiedliche Wurzelbilder entstehen. Leitungsgräben können zudem einen gegenüber dem umgebenden Boden veränderten Wurzelraum darstellen. Weitere fachliche Hintergründe zu solchen Konflikten werden im Beitrag Baumwurzeln und Energieversorgungsnetze erläutert.

Schäden im Wurzelraum können außerdem langfristige Folgen haben. Abgerissene oder gequetschte Wurzeln können Eintrittspforten für holzzersetzende Pilze bilden. Daraus können sich erst Jahre später Fäulen im Wurzelstock entwickeln. Ein Wurzelschaden muss deshalb sowohl hinsichtlich seiner unmittelbaren statischen Bedeutung als auch im Hinblick auf mögliche Folgeschäden bewertet werden.

Stieleiche am Rand des Waldweges im Bereich der untersuchten Leitungstrasse.

Die Begutachtung musste deshalb zwei Fragen voneinander trennen: Wie stark war die aktuelle Standsicherheit der drei Eichen beeinträchtigt? Und welche weiteren wirtschaftlichen Folgen konnten sich aus dem Wurzelverlust und den daraus resultierenden Risiken ergeben?

Untersuchung der drei Eichen

Zunächst wurden die örtlichen Gegebenheiten, die Baumdimensionen und die Lage der Leitungstrasse aufgenommen. Aus den Abständen, der Geländesituation und der zu erwartenden Wurzelverteilung ergab sich für die drei Bäume ein unterschiedlich ausgeprägtes Schadensrisiko.

Bei der ersten Eiche lag der Leitungsgraben deutlich weiter vom Stamm entfernt als bei den beiden anderen Bäumen. Bei der zweiten und dritten Eiche war aufgrund der Lage des Grabens eine stärkere Überschneidung mit dem statisch und physiologisch bedeutsamen Wurzelraum zu erwarten.

Da der Leitungsgraben bereits geschlossen war, hätte eine erneute vollständige Freilegung einen erheblichen zusätzlichen Eingriff bedeutet. Für die entscheidende Frage nach der aktuellen Verankerung der Bäume wurde deshalb eine technische Untersuchung gewählt. Die Standsicherheit aller drei Eichen wurde mit baumstatischen Zugversuchen überprüft.

Auswertung eines baumstatischen Zugversuchs an den untersuchten Eichen vor Ort.

Zugversuch zur Prüfung der Standsicherheit

Beim baumstatischen Zugversuch wird eine definierte Ersatzlast in die Baumkrone eingeleitet. Sensoren erfassen unter anderem die Neigung am Stammfuß und damit die Reaktion des Boden-Wurzel-Systems auf die Belastung. Die Messdaten werden mit der für den jeweiligen Baum anzusetzenden Windlast in Beziehung gesetzt.

Auf diese Weise lässt sich beurteilen, welche Sicherheitsreserve der konkrete Baum gegenüber der maßgeblichen Belastung besitzt. Die Ergebnisse der drei Eichen unterschieden sich deutlich:

  • Baum 1 erreichte einen Sicherheitswert von 125 Prozent.
  • Baum 2 erreichte einen Sicherheitswert von 107 Prozent.
  • Baum 3 erreichte einen Sicherheitswert von 89 Prozent.

Für die gutachterliche Bewertung wurde ein erforderliches Sicherheitsniveau von 150 Prozent angesetzt. Dieses Sicherheitsniveau erreichte keiner der drei untersuchten Bäume.

Baum 1 wies mit 125 Prozent noch die höchste Sicherheitsreserve auf, unterschritt den erforderlichen Wert jedoch ebenfalls. Baum 2 erreichte 107 Prozent. Bei Baum 3 wurde mit 89 Prozent der niedrigste Sicherheitswert festgestellt.

Damit war bei allen drei Eichen eine unzureichende Standsicherheit festzustellen. Die Sicherheitsdefizite waren allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt.

Gerade dieser Unterschied zeigt den Wert der technischen Untersuchung. Eine alleinige Betrachtung des Abstandes zwischen Baum und Leitungsgraben hätte keine belastbare Aussage darüber ermöglicht, welche Sicherheitsreserve bei den einzelnen Bäumen tatsächlich noch vorhanden war. Ebenso hätte eine ausschließlich visuelle Baumkontrolle die Verankerungsleistung des Boden-Wurzel-Systems nicht quantifizieren können.

Ergebnis des Baumgutachtens

Der Zugversuch ergab, dass keiner der drei untersuchten Bäume das für die Bewertung angesetzte Sicherheitsniveau von 150 Prozent erreichte. Damit bestand bei allen drei Eichen Handlungsbedarf.

Die Ergebnisse bedeuteten jedoch nicht automatisch, dass die Bäume gefällt werden mussten. Bei einem baumstatischen Zugversuch wird nicht nur festgestellt, ob ein Sicherheitsdefizit besteht. Die Ergebnisse können zugleich dazu verwendet werden, zu beurteilen, in welchem Umfang die auf den Baum einwirkende Windlast reduziert werden muss, um wieder eine ausreichende Sicherheitsreserve zu erreichen.

Hierzu kommen insbesondere auf den jeweiligen Baum abgestimmte Veränderungen der Kronen- und Windangriffsfläche in Betracht. Die erforderliche Intensität einer solchen Maßnahme muss aus dem konkreten Sicherheitsdefizit, der Kronenstruktur und der für den Baum ermittelten Windlast abgeleitet werden.

Das Ziel bestand damit nicht in einer pauschalen Reaktion auf den festgestellten Wurzelschaden, sondern in einer differenzierten Maßnahmenplanung auf Grundlage der tatsächlich gemessenen Sicherheitsreserven.

Baumstatischer Zugversuch an einer der untersuchten Eichen zur Beurteilung ihrer Standsicherheit.

Schadensermittlung

Mit der technischen Beurteilung der Standsicherheit war die Begutachtung noch nicht abgeschlossen. Wurzelverluste können neben dem unmittelbaren Sicherheitsdefizit weitere wirtschaftliche Folgen verursachen.

Beschädigte oder verlorene Wurzeln können die Versorgung und den zukünftigen Zuwachs eines Baumes beeinträchtigen. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass sich aus größeren Wurzelverletzungen langfristig Fäulen im Wurzel- oder Stammfußbereich entwickeln.

Bei der Schadensermittlung wurden deshalb neben den erforderlichen baumpflegerischen Maßnahmen auch der zu erwartende Minderertrag durch verminderten Holzzuwachs und mögliche langfristige Folgerisiken infolge der Wurzelbeschädigungen berücksichtigt.

Bei älteren Waldbäumen unterscheidet sich eine solche wirtschaftliche Betrachtung von der klassischen Gehölzwertermittlung bei Schutz- und Gestaltungsgrün. Hier mussten insbesondere Holzqualität, weiterer Zuwachs und wirtschaftliche Nutzungsperspektive der Eichen berücksichtigt werden.

Warum dieser Fall für Leitungsbau und Tiefbau typisch ist

Wurzelschäden nach Tiefbauarbeiten werden häufig erst dann zum gutachterlichen Problem, wenn der eigentliche Eingriff bereits beendet und der Leitungsgraben wieder geschlossen ist. Eine unmittelbare Kontrolle der durchtrennten oder geschädigten Wurzeln ist dann nicht mehr ohne erneute Erdarbeiten möglich.

Eine nachträgliche Bewertung allein anhand von Fotos, allgemeinen Wurzelmodellen oder pauschalen Mindestabständen reicht für eine belastbare Beurteilung der Standsicherheit deshalb häufig nicht aus.

Ein sachverständiges Baumgutachten kann in solchen Fällen verschiedene Untersuchungsebenen miteinander verbinden: die Analyse von Standort und Wurzelraum, die Rekonstruktion des erfolgten Eingriffs, die baumbiologische Bewertung möglicher Wurzelverluste und – wenn erforderlich – eine technische Untersuchung der tatsächlichen Standsicherheit.

Der Fall zeigt besonders deutlich, dass selbst eine messtechnisch nachgewiesene unzureichende Standsicherheit nicht zwangsläufig die Fällung eines Baumes bedeutet. Entscheidend ist die Größe des festgestellten Sicherheitsdefizits und die Frage, ob sich durch geeignete Maßnahmen die einwirkende Windlast so weit reduzieren lässt, dass wieder ein ausreichendes Sicherheitsniveau hergestellt werden kann.

Ebenso zeigt der Fall, warum ein vorsorgender Baumschutz bei Tiefbau- und Leitungsarbeiten sinnvoll ist. Werden Leitungsverläufe, Arbeitsräume und vorhandene Bäume bereits vor Beginn der Arbeiten gemeinsam betrachtet, können Wurzelschäden häufig vermieden oder zumindest wesentlich reduziert werden.

Unsere Leistungen bei Wurzelschäden und Tiefbaumaßnahmen

Wir unterstützen private Eigentümer, Unternehmen, Kommunen, Versorgungsträger und öffentliche Auftraggeber bei der Untersuchung und Bewertung von Baumschäden im Zusammenhang mit Tiefbau- und Leitungsarbeiten.

Unsere Leistungen können insbesondere umfassen:

Wenn nach Tiefbau- oder Leitungsarbeiten Schäden im Wurzelbereich eines Baumes vermutet werden oder die Auswirkungen auf seine Stand- und Bruchsicherheit unklar sind, unterstützen wir Sie mit einer sachverständigen Untersuchung und nachvollziehbaren Bewertung.

Hinweis zum Fallbeispiel

Dieses Fallbeispiel beruht auf einem tatsächlich bearbeiteten Sachverständigenauftrag. Namen, Ortsangaben, Auftraggeber und weitere identifizierende Angaben wurden aus Gründen des Datenschutzes entfernt oder verallgemeinert. Die dargestellten fachlichen Fragestellungen, Untersuchungsverfahren und wesentlichen Ergebnisse entsprechen dem bearbeiteten Fall.

 

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Alexander Kraus, Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung

Autor

Alexander Kraus

Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung. Seit 1992 in der Baumpflege tätig, Fachagrarwirt Baumpflege und Baumsanierung sowie European Tree Technician.

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